Mehr Gestalten als Verwalten : Administrative AkteurInnen als GestalterInnen multilateraler Kommunikationsprozesse in integrierter Stadtentwicklung

  • More creation than administration : Administrative actors as designers of multilateral communication processes in integrated urban development

Zalas, Lucyna Joanna; Förster, Agnes (Thesis advisor); Selle, Klaus (Thesis advisor)

Aachen : RWTH Aachen University (2021)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2021

Kurzfassung

Das Leitbild der integrierten Stadtentwicklung ist aktuell nicht nur inhaltlich, sondern auch prozessual richtungsweisend in den Planungswissenschaften. Integrierte Stadtentwicklungsprojekte sind nicht nur eine fachliche Querschnittsaufgabe, sondern erfordern komplexe Aushandlungsprozesse zwischen den multiplen Akteurssphären aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Das Stichwort ‚Integrierte Stadtentwicklung’ impliziert die Mitwirkung Vieler an der Gestaltung des Lebensraumes. Das wiederum bedeutet, dass viele miteinander kommunizieren müssen, um gemeinsam Stadt und Raum zu entwickeln. Die Forschung zur Praxis von multilateralen Kommunikationsprozessen in der Stadtentwicklung zeigt, dass im Rahmen dieser Prozesse den administrativen Akteur:innen eine zentrale Rolle zukommt. In einer Befragung des VHW wird von Befragten in Kleinstädten die Verwaltung als „die Macherin in der Stadtplanung“ bezeichnet, in Großstädten sind die Antworten differenzierter und dennoch werden hier „Verwaltung und Politik zu gleichen Teilen als richtungsweisend“ bezeichnet. [s. VHW 2018] Dabei stehen die administrativen Akteure vor der Herausforderung, mindestens drei Schnittstellen unterschiedlicher Tiefe im Kommunikationsgefüge zu gestalten:•SCHNITTSTELLE zur AUSSENWELT: durch Information und/oder Beteiligung von Öffentlichkeiten, aber auch Fachexperten, TÖBs oder der Presse, •SCHNITTSTELLE zur POLITIK: im Alltag durch Ausschüsse und Ratsvorlagen sowie einzelne Anfragen von Fraktionen, durch Weisungen vom Oberbürgermeister/Bürgermeister/Dezernat u. a.,•SCHNITTSTELLE zur BINNENWELT: abhängig von der Anzahl der verschiedenen Ressorts, dem OB und dem WIE der Zusammenarbeit. Die Gestaltung dieser Schnittstellen stellt die administrativen Akteur:innen vor unterschiedliche Herausforderungen. In der Praxis zeigen sich differenzierte Defizite in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit. Prozessuale Gestaltungsspielräume können aufgrund diverser Handlungsherausforderungen nicht genutzt werden. Während es zu den zwei Schnittstellen Außenwelt und Politik bereits umfassende Forschungsarbeiten gibt, ist die Schnittstelle der Binnenwelt seitens der Stadtentwicklungsforschung noch wenig untersucht worden. Hinweise aus anderen Forschungsvorhaben wie Multi|Kom oder LOB zeigen jedoch den Betrachtungsbedarf. Die Auseinandersetzung mit folgenden Forschungsfragen ermöglicht es, zum Diskurs über kommunikativ multilaterale, integrierte Planungsprozesse beizutragen und die Auseinandersetzung mit der Rolle der administrativen Akteur:innen in Stadtentwicklungsprozessen zu vertiefen: •WER aus der administrativen Akteurssphäre kommuniziert mit WEM an der (Prozess-)Schnittstelle?•WIE wird an den (Prozess-)Schnittstellen kommuniziert? •Welche prozessualen Herausforderungen (Stolpersteine) treten für die administrativen Akteur:innen beim Gestalten der Schnittstellen auf? •Welche Lösungsstrategien kommen bei den administrativen Akteur:innen zur Anwendung, um den Herausforderungen zu begegnen und die Prozessziele zu erreichen? Die Arbeit macht deutlich, wie die administrativen Akteur:innen diese kommunikativen bzw. prozessualen Schnittstellen gestalten (können), vor welchen Herausforderungen sie dabei stehen und welche Lösungsstrategien sie entwickeln, um ihnen zu begegnen. Durch die systematische Betrachtung und Zusammenstellung bewährter Praktiken der Verwaltung aus wissenschaftlicher Sicht, leistet die Auseinandersetzung mit der Thematik einen Betrag zum Praxis-zu-Praxis-Transfer. In der zunehmend komplexen VUCA -Welt sieht sich die Verwaltung mit Themen und Anforderungen konfrontiert, die im Rahmen der bestehenden Ressorts nicht zu bewältigen sind. Die vielfach noch starre Arbeitsweise nach Zuständigkeiten und Hierarchien wird den komplexen Problemstellungen in vielen Fachbereichen der Verwaltung nicht gerecht. Sebastian Muschter schreibt: „Die Verwaltung selbst will und kann besser werden. Wir müssen ihr das nur erlauben“, und umschreibt damit die auf dem Weg befindliche Verwaltungsreform. [Muschter 2018: 3] Sprechen wir von Verwaltungsreform oder ‚Change-Prozess‘, ist damit keine punktuelle Neuerung gemeint, sondern ein stetiger Prozess in der Entwicklung der Verwaltung. Neben der strukturellen Neuorientierung prägt diesen auch der sich derzeit vollziehende Generationenwechsel. Die sich ändernden Rahmenbedingungen bieten die Möglichkeit, neue Wege zu erproben und erfolgreiche Abläufe zu verstetigen. Das Arbeitsfeld der Stadtentwicklung zeigt durch die originär interdisziplinäre und integrierte Aufgabe die Möglichkeit auf Erfahrungen mit differenzierten Formen der Zusammenarbeit zurückzugreifen und beispielsweise durch die Erprobung agiler Prozessgestaltung Erfahrungen für andere Prozesse und Projekte zu generieren. Die Betrachtung der Fallbeispiele bestätigt, dass die internen Strukturen der Verwaltung und die von der Verwaltung ausgehende Handhabung der Gestaltung der Schnittstellen große Bedeutung für den Projekterfolg hat. Viele der in der Praxis von integrierten Stadtentwicklungsprozessen auftretenden Herausforderungen gleichen denjenigen, die Befürworter der Agilen Prinzipien in ihrem Umfeld lösen wollen und auch die Lösungsansätze sind vergleichbar: Stärkung der Transparenz des Prozesses, nachvollziehbare Zwischenschritte (Zeit/Dauer), Notwendigkeit crossfunktionaler Teams und Querschnittsrollen als Lösung für Linie und Ressort, die Beziehung zur Politik als Business Owner, regelmäßige Retrospektiven zum Wissenstransfer und Anpassung der ‚Visionen‘ bzw. Ziele an aktuelle Rahmenbedingungen sowie Verstetigung von guter Praxis. In der agilen Arbeitswelt kommen vor allem die Methoden des kooperativen Managements zur Anwendung. Der Diskurs über kommunikativ multilaterale, integrierte Planungsprozesse wird hier fortgesetzt und in der Auseinandersetzung mit der Rolle der administrativen Akteur:innen in Stadtentwicklungsprozessen vertieft. Die Arbeit macht deutlich, wie die administrativen Akteur:innen Change-Prozesse nutzen könne, um eine Entwicklung von ‚Schnittstellen mit Verlust‘ zu ‚Verbindungstellen und Ermöglichungskultur‘ zu unterstützen und damit komplexe, integrierte Planungsprozesse zu optimieren.

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